Das Interessanteste, was mir gerade in Erstgesprächen begegnet, liegt schon auf dem Bildschirm, wenn ich dazukomme: ein Prototyp, den mein Gegenüber selbst gebaut hat. Menschen ohne Designausbildung bauen in Tagen etwas Klickbares – ein krasser Beschleuniger, und ich meine das ohne Ironie. Ich nutze KI selbst jeden Tag.
Trotzdem frage ich als erstes nicht nach dem Entwurf, sondern nach den Menschen davor. Wer sind eigentlich die Nutzer? Wie viel Zeit soll jemand hier investieren? Und lass uns schauen, ob der Klick-Flow überhaupt trägt. Das sind keine Design-Fragen. Das sind die Fragen, die vor dem Bauen kommen.
Warum gerade Fachleute komplizierte Flows bauen
Nicht weil jemand zu wenig von seinem Thema versteht, sondern weil er zu viel davon versteht. Wer sein Fachgebiet wirklich kennt, baut es 1:1 in den Prototypen. Jedes Feld, jeder Sonderfall, jede Ausnahme – alles ist wichtig, weil es fachlich wirklich wichtig ist. Nur sitzt vor der fertigen Seite niemand, der das Thema kennt. Die Usability leidet extrem: zu kompliziert, zu viele Klicks, zu viele Entscheidungen auf einmal.
Und da komme ich dazu. Ich challenge erstmal alles, breche runter, minimiere die Flows, nehme raus, was niemand braucht. Und gestalte es am Ende so, dass es wirklich nutzbar ist: intuitiv bedienbar und barrierefrei. Das ist kein Nachpolieren, das ist das Handwerk.
Sie ersetzt keine Expertise – sie braucht sie
Deshalb glaube ich nicht, dass KI mich ersetzt. Sie wird genau so gut wie die Person, die sie bedient – die besten Ergebnisse entstehen, wenn Spezialist:innen sie in ihrem eigenen Fachgebiet einsetzen. Auf meinen Leistungsseiten steht dafür ein Satz, der mir wichtig ist: KI nutze ich als Sparringspartner, Beschleuniger und Denkanstoß – nicht als Ersatz für Empathie.
Bei mir ist das der UX-Prozess. Research, Struktur, Interface, Umsetzung: da komme ich mit KI sehr weit und sehr schnell. Aber nur, weil ich weiß, wie es ohne sie funktioniert – weil ich das Hintergrundwissen und das erlernte Handwerkszeug habe und deshalb weiß, welche Anweisungen es braucht, welche Fragen, und worauf ich in der Gestaltung achten muss. Ich sehe, wann eine Nutzerbefragung falsch angelegt ist, wann eine Navigation nur auf dem Papier logisch aussieht, wann ein Ergebnis plausibel klingt und trotzdem nicht stimmt. Ohne dieses Urteil bekomme ich Output – keine Arbeit.
Expertise ist für mich also die Voraussetzung und nicht der Gegensatz: KI ist Support und Beschleuniger. Sie bringt das, was ich kann, ein Stück weiter – und schneller auf die Straße.
Wofür ich sie nutze
- Laut denken. Ich erkläre ein Problem und merke beim Erklären, wo mein Argument dünn ist.
- Varianten. Fünf Wege, einen Abschnitt zu ordnen, in fünf Minuten – nicht damit einer gewinnt, sondern damit ich sehe, welchen ich nicht will.
- Zeug wegräumen. Code umbauen, Tokens umbenennen, ein Datenformat drehen. Arbeit, die keine Entscheidung enthält.
- Widerstand. „Was spricht gegen diese Struktur?“ ist die nützlichste Frage, die ich stellen kann – und die unangenehmste.
Wofür nicht
- Zielgruppen erfinden. Wen eine Seite erreichen muss, erfahre ich in Gesprächen, nicht aus einem Modell.
- Texte in einem Zug erzeugen, die klingen sollen wie ich. Man hört es. Und ich lese sie danach selbst nicht mehr richtig.
- Entscheidungen. Ein Modell trägt keine Verantwortung. Mein Name steht an der Seite, nicht seiner.
- Gefühl. Ob sich ein Interface im überforderten Moment richtig anfühlt, weiß nur ein Mensch, der überfordert war.
Expertise plus KI. Nicht KI statt Expertise. Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug, sondern darin, wer die Fragen stellt.
Warum ich es offen sage
Weil es sonst ein Geheimnis wäre, das keines ist. Viele in diesem Beruf arbeiten inzwischen so, nur reden wenige darüber. Mir ist lieber, meine Kund:innen wissen, wo mein Urteil sitzt: in der Frage vorher und in der Auswahl danach.
Und weil es sie betrifft. Wer wissen will, was aus einem Modell kommt und was aus meinem Kopf, soll fragen können. Die Antwort ist immer dieselbe: Struktur und Entscheidungen von mir, Tempo von der Maschine.
Geschrieben im September 2026 von Julia Reuter. Zurück zu allen Beiträgen